Hilfe, Polizei!

Wie klingt Jazz auf einer Ukulele? Wer sich die Antwort von einem Besuch des 41. Deutschen Jazzfestivals erhoffte, wurde enttäuscht. Jake Shimabukuro aus Hawaii, der den letzten Festivalabend eröffnen durfte und als „Jimi Hendrix der Ukulele“ angekündigt wurde, hat mit Jazz nicht viel am Hut. Schon eher mit George Harrison, Queen und Van Halen. Erfahrene Besucher des traditionsreichen Frankfurter Festivals wissen das aber bereits: nicht überall, wo die Festivalmacher Jazz drauf schreiben, ist auch wirklich Jazz drin. So werden nach Frankfurt mit Vorliebe abgehalfterte britische Rockmusiker, die auf ihre alten Tage einen auf Jazz machen, oder Musiker in bunten Gewändern und mit exotischen Instrumenten eingeladen – der Hawaiianer Shimabukuro passt also voll ins Schema. Und Hans-Jürgen Linke veranlasst er wahren zu Begeisterungsstürmen: für ihn ist Shimabukuro „der Star des Abends“, schreibt er in der Frankfurt Rundschau. Shimabokuro habe zwar „keinerlei Jazz-Merkmale in seiner Musik, keine Blue Note, nicht den Hauch einer Off-Beat-Bindung“, dennoch könne er ihm „stundenlang zusehen, ja, zuhören“. Ich vermute: gerade deswegen. Seine Besprechung des Jazzfestivals steht unter der Überschrift „Keine Spur von Polizei“, und spielt damit auf den Begriff der „Jazzpolizei“ an: „Die Jazzpolizei konnte das nicht verhindern, sie hat wohl kapituliert. Sie hätte sonst auf diesem 41. Deutschen Jazzfestival im Sendesaal des Hessischen Rundfunks auch alle Hände voll zu tun gehabt. Vor allem mit Grenzkontrollen und der überflüssigen Frage: Darf jetzt jeder die Musik, die er spielt, „Jazz“ nennen?“. Von derartigen Spaßbremsern hält er nichts: „Die Jazzpolizei ist nichts weiter als eine an einigen Meinungsführern haftende, irreale Kontrollinstanz, die mit ihren Trägersubjekten altert und manchmal schon nicht mehr ins Konzert geht. So kann es schon mal zum Mitklatschen kommen.“

Begriffe und Namen dienen dazu, Dinge zu unterscheiden. „Rot“ bezeichnet eine andere Farbe als „Blau“. Dort, wo sich beide Farben im Spektrum des Regenbogens überlagern, entsteht die Mischfarbe Magenta. Aber die Übergänge sind fließend, wo genau hört Rot auf, und wo fängt Blau an?
So eindeutig ist das offenkundig nicht zu sagen. Aber Rot und Blau unterscheiden sich, da ist man sich weitgehend einig, und deswegen verwenden wir ganz zu Recht unterschiedliche und eindeutige Namen für beide Farben.
Und der Jazz? Zwar gibt es auch hier eine lexikalische Definition. Aber nicht immer fällt es leicht, eine bestimmte Musik eindeutig als Jazz oder nicht-Jazz zu definieren. Und die Diskussion darüber, was sich Jazz nennen darf und was nicht, gibt es wahrscheinlich schon seit dem man mit dem Wort „Jazz“ einen Namen für diese Musik gefunden hat.
Für die Mehrzahl der Musikhörer und Festivalbesucher ist das ja eigentlich auch gar nicht so wichtig, solange ihnen die Musik gefällt und Freude macht. Den bewussten Jazzliebhaber und -musiker stört es aber in der Regel, wenn jazzferner Musik das Etikett „Jazz“ angeheftet wird. Denn für einen Jazzfan ist „Jazz“ auch immer ein Gütesiegel, das man sich verdienen (erarbeiten!) muss.

Obwohl es auf dem Deutschen Jazzfestival sehr ruhig und kultiviert zuging, scheint Linke sich irgendwie bedroht gefühlt zu haben. „Ohne Gegenmaßnahmen der Jazzpolizei wurden folkloristisch geprägte Projekte zum beherrschenden Thema des Festivals.“ Sympathischer ist ihm das Volkstümliche: „… und da geschah es: musikanten-stadeliges Mitklatschen verbreitete sich pandemisch im Saal. (…) Die Jazzpolizei konnte das nicht verhindern.“
Vielleicht dürfen wir ja bald ein gänzlich jazzfreies Jazzfestival erleben. Linke scheint sich drauf zu freuen: „Stundenlang könnte ich ihm [Shimabokuro] zusehen, ja, zuhören. Man bekäme kein Gran Jazz serviert dabei. Und keine Spur von der Jazzpolizei.“
Tatütata.

Links: Linkes Besprechung in der FR,  die Konzerte des Jazzfestivals als Video auf der hr-Websiste

Zu den Kommentaren …

3 opinions on “Hilfe, Polizei!”

  1. Wer zum Fußball geht, will Fußball sehen – oder spielen.
    Wer zum Handball geht, will Handball sehen – oder spielen.
    Wer ins Rockkonzert geht, will Rockmusik hören – oder spielen.
    Wer Kaffee trinken will, bestellt sich einen Kaffee.
    Wer Tee trinken will, macht sich einen Tee.
    Und so weiter.

    Das, was draufsteht, will man auch haben.
    Das ist in der Regel immer so.
    Und wer die Regeln bricht, fliegt raus.

    Nur beim Jazz denken viele, sie können machen, was sie wollen.
    Weil JAZZ ja so was von „frei“ ist.

    Stimmt ja auch, denn er lebt von der Improvisation.
    Im Jazz wird von demjenigen, der die Regeln kennt, erwartet, dass er sie bricht.
    Damit etwas Neues, Interessantes passiert. Deshalb hat Jazz auch sein Publikum.

    Für viele, welche ein Jazz-Festival besuchen, ist es sicher auch der elitäre Nimbus, den JAZZ für sie als sonst Unbeteiligte immer noch hat.

    Und weil man sich als sachkenntnisfreie Öffentlichkeit ( im Rechtswesen ist das ein gern benutzter Ausdruck ) nicht wirklich auskennt ( warum auch – Hauptsache, es gefällt ), kann einem der Veranstalter schon mal ein Mandolinenorchester als Bigband verhökern ( – das jetzt mal als ein witziger Vergleich ).

    Wer sich also nicht auskennt, hat und kann daran auch nichts aussetzen und schweigt stattdessen vielsagend ………

    Wer aber wohlwissend kritisiert, hier würde man ja veralbert – über den wird sich lustig gemacht, der wird als Spaßverderber hingestellt und als JAZZPOLIZEI klassifiziert.

    Ist doch irre, wie es immer wieder funktioniert.

    Dieses Thema ist weitaus komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint.
    Ein Eldorado für Psychologen, die ganz bestimmt jede Menge Fachbegriffe dafür haben.

    Jedenfalls wird dem Jazzmusiker und –liebhaber immer wieder eine Toleranz abverlangt, die in keinem anderen Bereich in diesem Umfang auch nur ansatzweise zu Tage tritt.

    Es gibt Unmengen Beispiele dafür und es wäre einen eigenen Blog wert.

    Danke an Jonas für dieses Thema.

  2. Nein, alle deine Beispiele sind kein Jazz. Du darfst sie trotzdem gut finden, das hat ja mit Jazz oder nicht Jazz nichts tun. Es bringt nur nichts, einen Begriff, der dann irgendwie doch recht klar definiert ist, auch für alles andere benutzen zu wollen. Ein Stuhl ist ein Stuhl, ein Tisch ein Tisch … Wie wollen wir uns denn verständigen, wenn mein Stuhl plötzlich nicht mehr Stuhl, sondern Tisch heißen soll?
    Und zu Jack Bruce: ich dachte primär an andere. Das Jack-Bruce-Konzert habe ich seinerzeit nicht besucht, denn das, was man auf z. B. iTunes von ihm hören kann, finde ich grauenhaft (wo du schon so direkt nach fragst). Mir ist auch völlig unklar, wieso man ihn als “Bassvirtuosen” angekündigt hat. (Oder gibt es mehrere Jack Bruces und ich habe mir irrtümlich den angehört, der gar nicht Bass spielt? Ich lasse mich da gerne aufklären.)

  3. Na ich hoffe Du meinst mit abgehalfterten Rockstar nicht Jack Bruce, sonst gibt´s was auf die Ohren… Tja – ob immer Jazz drin ist, wo Jazz drauf steht, ist eine Frage der Definition von Jazz heutzutage und wie man das Konzept so eines Festivals in seiner Gesamtheit begreift. Für mich war Stravinsky “Jazz”, Hendrix auch, und ende sogar schon Bach. Eine allzu puristische Denke ist mir – wo uns die welt doch offen steht 🙂 – eher suspekt.

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