Red Mitchell über die Bass-Szene in den 1950ern

Im Dezember 1957, also vor recht genau 60 Jahren, erschien die Platte Presenting Red Mitchell. Der Bassist war drei Jahre zuvor von New York nach Los Angeles umgezogen, und gehörte inzwischen zu den meistbeschäftigten Bassisten in den dortigen Studios.
In den Liner Notes der LP gibt Red Mitchell Auskunft über seine Einflüsse und die Bassisten-Szene der späten 1950er Jahre. Autor Nat Henthoff schreibt, im Alter von dreißig Jahren habe Red Mitchell alle wichtigen und unwichtigeren modernen Bassisten gehört, so dass die Beschreibung seiner persönlichen Einflüsse gleichzeitig die Geschichte des modernen Jazzbass umreiße. Und wenig überraschend lesen sich diese Liner Notes auch wie ein Who-is-who des Jazzbass. Interessant ist diese Quelle vor allem aber deswegen, weil einige der Namen, die Mitchell nennt, rückblickend eher selten im Fokus der jazzhistorischen Betrachtung sind. Die Bedeutung mancher Musiker wurde damals anders gewichtet als man es heute rückblickend tut.

Natürlich nennt Mitchell an erster Stelle die Bassisten, die für seine Generation am prägendsten waren und deren großer Einfluss heute unstrittig ist: Walter Page, Jimmy Blanton, Oscar Pettiford. Aber auch die heute unbekanntere Namen wie Chubby Jackson und Eddie Safranski hatten in den 1940ern großen Einfluss auf Mitchell und die Musiker dieser Zeit.

Red Mitchell wurde Profi in der New Yorker Jazz-Szene, als der Bebop seine Hochphase hatte. So waren die Bassisten um Charlie Parker und Dizzy Gillespie seine nächsten Vorbilder: Ray Brown, Charles Mingus, aber auch heute weniger geläufige Namen wir Keter Betts, Curly Russel, Al McKibbon, Tommy Potter, Nelson Boyd, Red Kelly.

Bleibenden Eindruck machte eine Begegnung mit Milt Hinton: “Milt is very exceptional in that he can do everything and do it well. He can bow, he can read, he can walk, he can play solos. He’s really my idea of the kind of bass player I’d like to be, an all-around player.” Aber auch der ”complete professional” George Duvivier, der schon damals von den Kritikern gerne übersehen wurde, imponiert ihm: “George just scared me to death. He was getting that real big sound and executing all kinds of fantastic things.”

Viele der Namen, die Mitchell anschließend aufzählt, sind heute kaum in Jazz-Geschichtsbüchern zu finden. Teddy Kottick, Bob Carter, Joe Carmen, Dante Martucci, Kenny O’Brian, Clyde Lombardi, Chet Amsterdam und weitere sind Namen, die heute in Vergessenheit geraten sind, damals aber Eindruck machten. Über Arnold Fishkind sagt Mitchell: “… his solidity of time, and I think too, he’s the only guy I’ve ever heard really make very successful use of a three-finger plucking technique.“ Auch einer seiner Lieblingsbassisten ist heute eher nur Insidern bekannt: Leroy Vinnegar (“one of the best rhythm feelings of any bass player I have ever heard; one of my top few favorite bass players”).

Das Talent zweier bis heute hoch angesehenen Bassisten, die damals ihre Karrieren noch vor sich hatten, erkennt Red Mitchell frühzeitig. Über Paul Chambers sagt er: “… underrated as a rhythm player, also the best of the new guys solo-wise.” Und auch bei Scott La Faro (der 1957 ja gerade erst zwei Jahre Bass spielte …) lag Mitchell mit seiner Einschätzung richtig: “I believe he’s going to be recognized as one of the best in a very short time“. 

Die Betrachtung der Jazzbassisten-Szene schließt mit ein paar wohlwollenden Worten über seinen Bruder Whitey. Whitey Mitchell gibt den Bassisten-Beruf allerdings einige Jahre später auch deswegen auf, weil er nie aus dem übergroßen Schatten seines Bruders heraustreten konnte.
“The Mitchell-view of modern jazz bass history also includes his younger brother, Whitey, with whom he may finally do an album in 1958 and about whom New York musicians agree with Red that ’he’s a good strong rhythm player, gets one of the biggest sounds of anybody, can play very good solos, and is characterized overall by a happy, swinging feeling.’”

PDF der Liner Notes: Presenting Red Mitchell

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