Bassisten in den Jazz-Polls

Seit den 1930er Jahren veröffentlichten die amerikanischen Jazz-Magazin Downbeat und Metronome Jazz Polls – also Ranglisten, wo die jeweils wichtigsten Instrumentalisten ihres Fachs aufgelistet werden. Zunächst waren diese Polls (deutsch: Abstimmung, Wahl) reine Readers Polls – die Leser wählten die Musiker nach ihrem Geschmack und persönlichen Vorlieben. Der Sinn und Zweck solcher Polls wurde natürlich schon früh kontrovers diskutiert – schließlich ist Jazz kein sportlicher Wettbewerb, wo es eindeutige Sieger und Verlierer gibt. Die Publikumszeitschrift Esquire (in der bereits früh über Jazz berichtet wurde) ging deswegen einen anderen Weg und ließ den Kritiker Robert Goffin eine Liste mit drei All-American Bands zusammenstellen (am Bass: Al Morgan, John Kirby, Billy Taylor). 1944 wurde der Esquire Jazz Award eingeführt, der von einem Gremium von Kritikern verliehen wurde. Jazzkritiker Leonhard Feather schrieb zur Einführung des Esquire Jazz Awards:

„Wir wollten unseren Poll nicht ablaufen lassen, wie die von Down Beat oder Metronome, wobei üblichererweise Charlie Barnet oder Tex Beneke die Sieger in [der Kategorie] Hot Tenor geworden wären, gefolgt von Coleman Hawkins und Ben Webster, Ziggy Elman hätte in Hot Trumpet gewonnen und Alvino Rey bei Gitarre; Helen O’Connell oder Dinah Shore wären die Nummer-eins-Sängerinnen geworden, während Billie Holiday ohne Auszeichnung geblieben wäre. Der einzige Weg, um dies zu vermeiden, war es, einen Kreis von Experten zusammenzustellen, statt auf die Leserschaft zurückzugreifen.“

Die Gewinner der Gold und Silver Awards traten im Januar 1944 als Esquire All American All Stars auf; hierzu gehörten Billie Holiday, Roy Eldridge, Jack Teagarden, Barney Bigard, Coleman Hawkins, Art Tatum, Al Casey, Sidney Catlett und der Bassist Oscar Pettiford. 1946 wurde der Award aber bereits wieder eingestellt.

Ab 1953 gab es im Downbeat zusätzlich zum Leser-Poll auch einen Kritiker-Poll, und ab 1962 die Sparten Artist deserving wider recognition bzw. später Rising Stars. Als weitere Publikumszeitschrift veröffentlichte ab 1957 auch der Playboy unter seinem Herausgeber Hugh Heffner, einem großen Jazzfan, einen Readers Jazz Poll, bei dem 430.000 Leser mitmachten. Gewinner in der Sparte Bass war Ray Brown, knapp vor Oscar Pettiford. Der Playboy Jazz Poll wurde begleitet von einem Preisträger-Konzert und Schallplatten-Veröffentlichungen, die Leonhard Feather betreute. Im Laufe der Jahre verwässerte sich das Profil aber zunehmend, und auch eindeutige Nicht-Jazzmusiker wie die Peter, Paul & Mary, The Beatles und Sting schafften es in den Playboy Jazz Poll, der in den 1990ern eingestellt wurde. (Das Playboy Jazz Festival hat aber bis in die Gegenwart überlebt.)
Auch in deutschen Zeitschriften gab es in den 1950er Jahren solche Polls (mehr nach dem Klick).

Beim Vergleich der Ergebnisse der Polls fällt auf, dass Musiker fehlen, die heute allgemein als wichtige Erneuerer und Impulsgeber des Jazz-Kontrabass gelten: Jimmy Blanton und Scott LaFaro tauchen nirgends auf, was allerdings auch daran liegen mag, dass ihnen nur kurze Lebenszeit vergönnt war. Oscar Pettiford als prägender Bassist des Bebop schaffte es immerhin in Kritiker-Polls.
Bob Haggart, der die Polls in den frühen Jahren dominierte, ist heute nicht mehr so bekannt. Er war aber damals nicht nur sehr populär, sondern schrieb auch die erste Schule für Jazz-Bass – für die Entwicklung des Jazz-Kontrabass hat er also ohne Zweifel eine große Bedeutung. Außerdem schaffte er es mit der Aufnahme “Big Noise from Winetka” in die Hitparaden und schrieb mit „What’s New“ einen viel gespielten Jazz-Standard.
Artie Bernstein, der 1943 und 1944 an die Spitze schaffte, ist heute hingegen weitgehend unbekannt. Eddie Safranski, im selben Jahr geboren wie Jimmy Blanton, ist aus heutiger Sicht nicht er erste Bassisten-Name, der einem für die Epoche der Nachkriegsjahre einfällt. Er war aber ein in den 1950ern sehr viel beschäftigter Studio-Bassist, und profitierte bei seiner Wahl sicherlich auch von der hohen Popularität seines Bandleaders Stan Kanton.

Ein wiederkehrendes Muster in den Polls ist, dass ein Name oft über einen längeren Zeitraum, eine ganze Epoche dominiert: erst Bob Haggart, dann Eddie Safranski, Ray Brown, Richard Davis, Ron Carter und schließlich Charlie Haden. In den Jahren, wo es einen Wechsel an der Spitze gab, wurde dieser in den Kritiker-Polls schon ein Jahr vorweg genommen: 1963 mit Charlie Mingus, 1967 mit Richard Davis,  1980 Charlie Haden, 1999 Dave Holland – (fast) immer hatten die Kritiker schon ein Jahr früher als die Leser den richtigen Riecher. Eine Ausnahme ist Ron Carter, der ab 1973 in den Reader Polls vorne lag, aber erst zwei Jahre später auch von den Kritikern gewürdigt wurde.

JahrDownbeat Readers PollDownbeat Critics PollDownbeat –
Artist deserving
wider recognition /
Rising Stars
Metronome Reader’s Poll
1936Pops Foster
1937Bob Haggart
1938Bob Haggart
1939Bob HaggartBob Haggart
1940Bob HaggartBob Haggart
1941Bob HaggartBob Haggart
1942Bob HaggartBob Haggart
1943Artie BernsteinBob Haggart
1944Artie BernsteinBob Haggart
1945Chubby Jackson
1946Eddie SafranskiSlam Steward
1947Eddie SafranskiEddie Safranski
1948Eddie SafranskiEddie Safranski
1949Eddie SafranskiEddie Safranski
1950Eddie SafranskiEddie Safranski
1951Eddie SafranskiEddie Safranski
1952Eddie SafranskiEddie Safranski
1953Ray BrownOscar PettifordEddie Safranski
1954Ray BrownRay BrownEddie Safranski
1955Ray BrownOscar PettifordRay Brown
1956Ray BrownOscar PettifordRay Brown
1957Ray BrownOscar PettifordRay Brown
1958Ray BrownRay BrownRay Brown
1959Ray BrownRay BrownRay Brown
1960Ray BrownRay BrownRay Brown
1961Ray BrownRay Brown
1962Ray BrownRay BrownArt Davis
1963Ray BrownCharles MingusGary Peacock
1964Charles MingusCharles MingusSteve Swallow
1965Charles MingusCharles MingusRon Carter
1966Ray BrownCharles MingusRichard Davis
1967Ray BrownRichard DavisDavid Izenzon
1968Richard DavisRichard Davis
1969Richard DavisRichard Davis
1970Richard DavisRichard Davis
1971Richard DavisRichard DavisMiroslavVitous
1972Richard DavisRichard Davis
1973Ron CarterRichard Davis
1974Ron CarterRichard DavisStanley Clarke
1975Ron CarterRon Carter
1976Ron CarterRon Carter
1977Ron CarterRon Carter
1978Ron CarterRon Carter
1979Ron CarterRon Carter
1980Ron CarterCharlie Haden
1981Ron CarterNiels-Henning Ørsted Pedersen
1982Ron CarterCharlie Haden
1983Ron CarterCharlie Haden
1984Charlie HadenCharlie Haden
1985Ron CarterCharlie Haden
1986Ron CarterCharlie Haden
1987Charlie HadenCharlie Haden
1988Charlie HadenCharlie Haden
1989Charlie HadenCharlie Haden
1990Charlie HadenCharlie Haden
1991Charlie HadenCharlie Haden
1992Charlie HadenCharlie Haden
1993Charlie HadenCharlie Haden
1994Charlie HadenCharlie Haden
1995Charlie HadenCharlie Haden
1996Charlie HadenCharlie Haden
1997Charlie HadenCharlie Haden
1998Charlie HadenCharlie Haden
1999Ray BrownDave Holland
2000Dave HollandDave Holland
2001Dave HollandDave Holland
2002Dave HollandDave Holland
2003Dave HollandDave Holland
2004Dave HollandDave HollandScott Colley
2005Dave HollandDave HollandBen Allison
2006Dave HollandDave HollandBen Allison
2007Ron CarterDave HollandBen Allison
2008Christian McBrideChristian McBrideEsperanza Spalding
2009Christian McBrideChristian McBrideEsperanza Spalding

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