{"id":3381,"date":"2022-01-23T12:36:22","date_gmt":"2022-01-23T12:36:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kontrabassblog.de\/?p=3381"},"modified":"2022-01-24T08:28:35","modified_gmt":"2022-01-24T08:28:35","slug":"emil-mangelsdorff-1925-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kontrabassblog.de\/?p=3381","title":{"rendered":"Emil Mangelsdorff 1925\u20132022"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>\u201eDer Jazz ist eine Musik, die Freiheit darstellt.\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn der junge Musiker Emil Mangelsdorff mit der Harlem Combo in der Rokoko-Diele auftrat, war es immer voll. Wer sich die Haare etwas l\u00e4nger wachsen lie\u00df und lieber einen Trenchcoat mit wei\u00dfem Schal als ein braunes Uniformhemd trug, der war in jenen Jahren Sonntag nachmittags ziemlich sicher auch in der pl\u00fcschigen Hotelbar im Frankfurter Bahnhofsviertel anzutreffen. Mit dem Militarismus und der Ideologie der Nazis wollten Mangelsdorff und seine Clique so wenig wie m\u00f6glich zu tun haben \u2013&nbsp;ihre Leidenschaft war der Swing, und ihre Idole amerikanische Jazzmusiker wie Benny Goodman, Roy Eldridge und Coleman Hawkins.<br \/>Der Nonkonformismus der Frankfurter Swingjugendlichen blieb auch dem \u201eJugendbeauftragten\u201c der Gestapo nicht verborgen. Der SS-Mann sorgte daf\u00fcr, dass Emil wiederholt f\u00fcr mehrere Wochen in Gestapo-Haft genommen wurde (Vorwurf: \u201eWehrkraftzersetzung\u201c), und schlie\u00dflich mit Erreichen der Vollj\u00e4hrigkeit an die Ostfront geschickt wurde. Dort geriet er 1944 in russische Gefangenschaft. Erst 1949 durfte er nach Frankfurt heimkehren. \u201eIch habe immer ein bisschen darunter gelitten, dass mir die Zeit zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr fehlt. In dem Alter, an in dem man am aufnahmef\u00e4higsten ist, gab es ja nicht mal die Gelegenheit, Musik zu h\u00f6ren, geschweige denn zu spielen\u201c, sagte Mangelsdorff.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Talent und Flei\u00df gelang es ihm, als Musiker rasch wieder den Anschluss zu finden. Die Nachfrage nach Jazz war in den Nachkriegsjahren gro\u00df: In den Clubs der hier stationierten Amerikaner waren die deutschen Jazzmusiker gern gesehene und geh\u00f6rte G\u00e4ste. In den 1950er Jahren machen die Musiker um Emil Mangelsdorff Frankfurt zum Epizentrum des Jazz in Deutschland. Frankfurt hatte die angesagtesten Bands, das gr\u00f6\u00dfte Jazzfestival, den coolsten Jazzkeller. In den Jazz-Polls (den Ranglisten der Jazzzeitschriften) geh\u00f6rte Emil Mangelsdorff bald zu den f\u00fchrenden Jazzmusikern der Republik. Und das auf gleich drei Instrumenten: Klarinette, Altsaxophon und Fl\u00f6te.<\/p>\n\n\n\n<p>Emil Mangelsdorff blieb Swing und Bebop weiter treu, als in den 1960er Jahren die Beatmusik begann, dem Jazz Konkurrenz zu machen. Mit dem Freejazz bildete sich zudem eine neue und schwerer verdauliche Form des Jazz heraus. Nicht in der Frage \u201eFree kontra Swing\u201c, sondern in \u201eJazz oder nicht Jazz\u201c sah er seine Herausforderung als Jazzmusiker. \u201eIn der heutigen Zeit wuchert ja der Free Jazz, dem ich mich auch verbunden f\u00fchle. Allerdings ist nicht alles gut, was auf diesem Gebiet vorgef\u00fchrt wird. Und vor allem d\u00fcrfte es dem Publikum schwerfallen, sich in diese Musik hineinzuleben. So ist es verst\u00e4ndlich, dass viele zum Beat \u00fcberschwenken. Wenn ich aber vor die Alternative Beat oder Swing-Musik gestellt werde, entscheide ich mich selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr den Swing\u201c, sagte er 1967 in einem Interview.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch \u00fcber 80 Jahre nach seinem Deb\u00fct als Jazzmusiker \u00fcbte Mangelsdorff t\u00e4glich auf seinem Altsaxophon und stand regelm\u00e4\u00dfig auf der B\u00fchne. Er blieb den j\u00fcngeren Jazzmusiker-Generationen immer eng verbunden: in den 1960ern als Mitinitiator von Jazzkursen an der Musikschule, als Gr\u00fcndungs- und Vorstandsmitglied der Frankfurter Jazz-Initiative in den 1990ern, oder als Juror bei Nachwuchswettbewerben. Auf seinen Erz\u00e4hlkonzerten berichtete er \u00fcber seine Zeit als Jugendlicher im Faschismus des Dritten Reichs. Sein breites Engagement f\u00fcr Jazz und Demokratie fand u.a. Anerkennung im Hessischen Jazz-Preis, der Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen, der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt und des Landes Hessen, der Johanna-Kirchner-Medaille, einer Ehrenprofessur des Landes Hessen und dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.<br \/>Im Frankfurter Holzhausenschl\u00f6sschen hatte er mit seinem Quartett an jedem ersten Montag im Monat einen <em>Steady Gig<\/em>, der stets lange im Voraus ausverkauft war. F\u00fcr diese Konzerte lud er immer einen weiteren Solisten ein \u2013 nicht selten Musiker, die seine Enkel sein k\u00f6nnten. Musiker, f\u00fcr die diese Einladung so etwas wie ein Rittersschlag bedeute. F\u00fcr Februar war dort sein 214. Konzert dieser Reihe geplant. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag ist Emil Mangelsdorff im Alter von 96 Jahren gestorben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDer Jazz ist eine Musik, die Freiheit darstellt.\u201c Wenn der junge Musiker Emil Mangelsdorff mit der Harlem Combo in der Rokoko-Diele auftrat, war es immer voll. 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