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Zur Lage des Jazz

Das Wall Street Journal beschäftigt sich in einem Artikel mit dem Jazz in den USA. Der Jazz sei zwar mittlerweile im Kurrikulum der Schulen und in staatlich subventionierten Konzertsälen angekommen, aber jetzt höre kaum mehr jemand zu, sieht Terry Teachout im düsteren Beginn ihres Artikels voraus. Die jüngste Untersuchung des National Endowment for the Arts über Publikumszuspruch in den Künsten kommt zu einem nicht ganz so drastischen Ergebnis, aber die Situation des Jazz sei alles andere als gesund. Das Jazzinstitut fasst in seinem Newsletter (Jazz News No. 18/2009) zusammen: „Von 2002 zu 2008 habe die Zahl derjenigen, die wenigstens ein Jazzkonzert im Jahr besuchen, von 10,8% auf 7,8% abgenommen. Von 1982 auf 2008 habe das Durchschnittsalter des Jazzkonzertbesuches von 29 auf 46 zugenommen. Ältere Leute würden auf der anderen Seite seltener in Jazzkonzerte gehen als früher. Selbst unter College-Absolventen habe die Besucherzahl abgenommen. Die Zahlen würden zeigen, dass sich das Publikum des Jazz immer mehr dem der klassischen Musik angleiche. Das alles habe sicher damit zu tun, dass der Jazz sich immer mehr zu einer Kunstmusik entwickelt habe und heute eher als Hochkultur angesehen werde. Fazit: Jazzmusiker sollten gleich heute damit beginnen, ein jüngeres Publikum auf ihre Musik aufmerksam zu machen.“ Die NEA-Studie kann auf der Website des National Endowment for the Arts downgeloaded werden.

Dass der Jazz durchaus auch jüngere Generationen ansprechen kann, lässt sich übrigens bei einem Besuch im Frankfurter Jazzkeller nachprüfen. Bei den Mittwochs-Sessions liegt der „gefühlte“ Alterdurchschnitt des Publikums bei 30–35 Jahren, wobei bisweilen fraglich ist, ob es tatsächlich der Jazz ist, der die Leute in den Keller lockt. Aber auch als ich vor ein paar Wochen im B-Flat in Berlin war, waren die unter Vierzigjährigen gut repräsentiert.

Jens-Christian Rabe schreibt in der Süddeutschen Zeitung über das Sterben der Musikzeitschriften, von dem auch Jazz-Zeitschriften betroffen sind. Den Grund sieht er nicht allein in der wirtschaftlichen Krise, sondern auch in der Tatsache, dass beispielsweise im Jazz das Publikum, dessen Durchschnittsalter 1982 noch 29 Jahre betragen habe, heute 64 Jahre alt sei. Das Jazzinstitut bezweifelt diese Zahlen, und verweist auf  Terry Teachouts Wall-Street-Journal-Artikel (letzter Absatz). Rabe resümiert spöttisch: „Immerhin wandern Leser dieser Altersgruppe nicht ins Netz ab.“

Neulich im Jazzkeller …

Gestern kam in der Pause der Jazzkellersession ein Gitarrist auf mich zu, und erkundigte sich, ob ich vielleicht bei „All of me“ mitspielen würde. Ich erklärte ihm, dass nun zunächst ein anderer Bassist einsteigen würde, und ob es den unbedingt „All of me“ sein müsste … „Der andere Bassist wollte ,All of me‘ auch nicht spielen – was haben denn alle gegen diese Nummer?“, fragte er mich daraufhin. Wie soll man das erklären? Ich versuch’s mal so: wenn eine Sängerin auf die Bühne kommt, und „All of me“ singen möchte, dann kann die in 95% aller Fälle (noch) nicht wirklich gut singen. In 95% aller Fälle ist man also froh, wenn „All of me“ endlich ’rum ist.
Der Gitarrist hatt zum Glück noch Black Orpeus im Gepäck, was er dann auch ganz erfolgreich zum Besten gab.

Neulich im Jazzkeller …

Gestern waren im Jazzkeller einige ältere (70+) jüdische Amerikaner zu Gast. Sie waren als Kinder aus dem Dritten Reich in Sicherheit gebracht worden, und nun auf Einladung der Stadt zu Besuch Frankfurt. Einer der Gäste hatte seine Trompete mitgebracht, und stieg auf ein paar Nummern ein. So richtig gut war’s nicht, eher richtig schlecht, aber sein robustes ur-amerikanisches Auftreten half darüber hinweg. Irgendwie wollte sich niemand von uns was anmerken lassen, zumal ja in der Rhythmusgruppe auch gleich drei damalige Schurkenstaaten-Nationalitäten vertreten waren: Deutschland, Japan, Italien.

Sessions und Sängerinnen – auch so ein Thema. Manchen Sängerinnen machen auf mich den Eindruck, als sähen sie in einer Jazz-Session so eine Art Casting-Show, nur eben ohne Bohlen. Bei dieser „Sorte“ Sängerinnen ist der Sinn für die (Lied-)Form und den Ablauf einer Nummer oftmals nur schwach ausgeprägt. Wobei ich mir sogar bisweilen denke, dass für manche dieser Sängerinnen das, was wir als böses Foul empfinden, einfach nur ihr Mittel der Improvisation ist.