Die Geschichte des Kontrabass

Viola da GambaDer Kontrabass mit seiner über einem Meter messenden Mensur ist das größte und tiefste Instrument aus der Familie der Geigen (oder Violinen). Dabei ist er, von seiner Herkunft her betrachtet, ein Außenseiter. Erste Vorläufer des heutigen Kontrabasses, die Ende des 16. Jahrhunderts in Deutschland entstanden, gingen aus der Familie der Gamben (oder Violen) hervor. Gamben sind Geigen auf den ersten Blick recht ähnlich, unterscheiden sich aber in einigen entscheidenden Merkmalen. Gamben werden ebenfalls mit einem Bogen gestrichen, jedoch zum Spielen zwischen den Knien gehalten (weswegen sie auch als Kniegeigen bezeichnet wurden). Sie hatten üblicherweise Bünde aus Darmsaiten, die um Hals und Griffbrett gebunden werden. Gamben gab es in einer Vielzahl von Varianten, die sich in Stimmung, Mensur und Anzahl der Saiten unterschieden. Im Allgemeinen waren sie jedoch mit sechs in Quarten gestimmten Saiten ausgestattet. Sie wurden im Laufe der Jahrhunderte durch Geige, Bratsche und Cello verdrängt und sind heute nur noch von historischer Bedeutung. Einige Baumerkmale der Gambe haben sich aber bis heute im Kontrabass erhalten: die abfallenden Schultern, der flache Boden, die Stimmung in Quarten und der von unten gehaltene „Deutsche“ Bogen. Neben den Kontrabässen in Gambenform entstanden um 1600 in Italien Kontrabässe, die sich in der Form stärker an Geigen orientierten. Sie hatten keinen flachen, sondern einen gewölbten Boden und die geigentypischen spitz zusammenlaufenden Zargen im Mittelbug. Einen wichtigen Impuls bekam die Weiterentwicklug des Kontrabasses um 1650, als man begann, die damals üblichen Darmsaiten zu umspinnen. Durch diese neue Fertigungsmethode waren geringere Saitendurchmesser möglich, die ein leichteres Greifen und Streichen ermöglichten. Die Instrumente mußten auch nicht mehr ganz so monströse Größen haben, um den gewünschten Tonumfang zu erzielen. Erst dadurch wurden die Kontrabässe nach und nach wirklich spielbar.

Giovanni Bottesini Während die Bünde schon um 1800 völlig verschwanden, dauerte es noch bis in die Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts, bis sich der viersaitige Kontrabass und die heute übliche Stimmung E1-A1-D-G vollends durchsetzen konnten. Bis dahin hatten viele Bässe nur drei Saiten. Viele ältere Bässe, die sich bis heute erhalten haben, wurden von ursprünglich drei auf vier Saiten umgerüstet. Heute gibt es neben dem üblichen Standard, der sogenannten Orchester-Stimmung (E1-A1-D-G), auch die Solo-Stimmung. Sie baut sich ebenfalls aus Quarten auf, jedoch einen Ganzton höher (F#1-H1-E-A), und findet, wie auch die seltenere „Wiener Stimmung“ (A1-D-F#-A), vornehmlich im Bereich der klassischen Musik Anwendung. Darüberhinaus gibt es einige wenige Bassisten (Joel Quarrinton, Red Mitchell), die den Baß wie bei Cello und Geige üblich in Quinten stimmen.
(Mehr zu Stimmungen auf der Seite von Silvio Dalla Torre)
Um den Tonumfang zu erweitern, haben manche Bässe fünf Saiten – eine tiefe auf C1 oder H2 gestimmte Saite oder eine hohe c-Saite. Alternativ gibt es spezielle Griffbrett-Verlängerungen, die über den Obersattel hinaus bis zur Schnecke ragen, und die die schwingende Saitenlänge und somit den Tonumfang bis zum C1 erweitern. Der Ton E1 wird dann auf Höhe des Sattels gegriffen. Manche dieser Verlängerungen sind zusatzlich mit einer Mechanik zum Greifen der Saite ausgestattet.
Im Vergleich zu den anderen Streichinstrumenten weist der Kontrabass die größte Formenvielfalt auf. Obwohl auch viele Baßbauer bewährte Formen und Maße alter Meister für ihre Instrumente kopieren, sind die Größen und Proportionen weniger standartisiert als bei Geige oder Cello.

Verlaengerungs-MechanikBis heute haben sich als Korpusformen sowohl die Violin- als auch die Gambenform erhalten. Darüberhinaus gibt es auch Varianten wie z.B. die Busseto-Form, oder seltener die Birnen- oder Gitarrenformen. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellten einige deutsche Hersteller (z.T. unter der passenden Bezeichnung Jazz-Kontrabass) Bässe mit Cutaway her, um wie bei der Jazzgitarre das Spiel in hohen Lagen zu erleichtern. Unabhängig von der Korpusform haben Bässe entweder den von der Gambe kommenden flachen Boden, oder den für die Geige typischen gewölbten Boden. Beide haben Vor- und Nachteile, weshalb sich bisher keine der beiden Bauarten als Standard durchsetzen konnte. Aber während Unterschiede in der Korpusform eher geschmäcklerischer Natur sind, wirken sich gewölbte und flache Böden auf Stabilität, Herstellungsaufwand und Klang aus. Ein gewölbter Boden ist allein durch die Wölbung stabiler als ein flacher. Deswegen werden flache Böden zusätzlich mit drei oder vier querlaufenden Balken verstärkt, in Einzelfällen auch mit X-förmig gekreuzten Balken. In der manuellen Herstellung ist ein gewölbter Boden wesentlich zeit- und materialaufwendiger als ein flacher. Aus der gleichen Menge Holz, die man für einen aus dem vollen gearbeiteten gewölbten Boden benötigt, lassen sich bei geringerem Zeitaufwand mehrere flache Böden herstellen. In der industriellen Fertigung hat der gewölbte Boden jedoch Vorteile: da er maschinell gefräst wird und auf eine Verstärkung durch Leisten und Balken verzichtet werden kann, haben die meisten Fabrik-Bässe (und fast alle Sperrholzbässe) einen gewölbten Boden. Aufgrund ihrer statischen Eigenschaften reagieren gewölbte Böden schwächer auf Luftfeuchtigkeit.Flachen Böden werden hingegen bessere Klangeigenschaften zugesprochen; ihr Klang wird häufig als fokussierter, direkter und obertonreicher charakterisiert, während gewölbte Böden klanglich als runder und voller gelten.Auch bei den Bögen haben sich zwei Formen gleichermaßen durchgesetzt: der Deutsche Bogen, der wie bei der Gambe von unten gehalten wird, und der Französische Bogen, der wie beim Cello von oben gehalten wird. Die Bezeichnungen Dragonetti-Bogen (Deutscher Bogen) und Bottesini-Bogen (Französischer Bogen) – jeweils benannt nach berühmten Kontrabass-Virtuosen des 19. Jahrhunderts – sind heute nur noch wenig gebräuchlich.

Boegen Anders als bei Geigen, Bratschen und Celli gibt es bei Kontrabässen aufgrund der unterschiedlichen Formen und Proportionen nur wenige einheitliche, normierte Maße. Als Größenangaben sind Bruchzahlen wie 4/4, 3/4, 5/8, 7/8 und 1/2 üblich. Je nach Hersteller und Modell fallen diese Größen jedoch recht unterschiedlich aus. Am häufigsten sind heute 3/4-Bässe, die mit einer schwingenden Saitenlänge (Mensur) zwischen 104 und 106 cm als Standardgröße angesehen werden können. Inzwischen haben viele neue 4/4-Bässe statt 110 cm schwingender Saitenlänge ebenfalls eine 3/4-Mensur, und unterscheiden sich im Wesentlichen noch in der Breite des Unterbugs von einem 3/4-Modell. 1/2- , 1/4- und 1/8-Bässe mit Mensuren von rund 96 cm, 90 cm bzw. 78 cm werden in der Regel als Schülerinstrumente gebaut.
Neben Größe und Mensur unterscheiden sich Bässe auch noch im Hals-Korpusübergang. Greift der Mittelfinger der linken Hand, dem am Halsfuß „eingerasteten“ Daumen gegenüberliegend, auf der G-Saite ein D, spricht man von einer D-Mensur; ist es ein Es, handelt es sich um eine Es-Mensur.

Gamben-FormViolin-FormBusseto-FormCutaway

Bässe in Gamben-, Violin- und Busseto-Form; sowie Gambenform mit Cutaway.

Kontrabass-Größen

Größentabelle

nach Henry Strobel, in cm

Größenbezeichnung A B C D E F
7/8 190 116 106 52,2 40 69,6
3/4 182 11 105 49 36,5 67,8
1/2 167 102 96 47,1 34,6 59,5
1/4 156 95 90 43,6 32,1 55,3

unterschiedliche Mensuren/Saitenlängen (in cm), zusammengetragen nach Angaben verschiedener Saitenhersteller und Kontrabassbauer:

Größe schwingende Saitenlängen
1/16 70
1/10 71
1/8 80,5 80 80
1/4 90 90 87 90,5
1/2 97,5 97 99 96,5
3/4 106 104 104 106
4/4 >107

Neben den für Kontrabässe typischen Hölzern – Fichte für die Decke, Ahorn für Zargen, Boden und Hals – finden hin und wieder auch andere Hölzer Verwendung. So wird für die Decke neben Fichte und Haselfichte auch Zeder und Kiefer verwendet, für Zargen und Boden Buche, Rotbuche und Pappel, seltener Bergahorn, Esche, Weide, Walnuß, Kirschbaum oder Birnbaum. Hauptsächlich aus Kostengründen wird für Hälse auch Buchenholz und für Griffbretter Palisander oder Brazilholz verwendet. Es gibt aber auch immer wieder Versuche mit ganz anderen Materialien als Holz. In den USA wurden in den 1930er Jahren Bässe aus Aluminium hergestellt. Gedacht waren sie z.B. für Militär- und Schulorchester und ähnliche Einsatzorte. (Mehr dazu unter www.condino.com/aluminum.html) In jüngster Zeit kam Kohlefaser/Carbon als Werkstoff auf. Inzwischen gibt es neben einzelnen Bestandteilen wie Griffbrettern und Stegen auch komplette Bässe und vorallem Bögen aus Carbon-Composit-Materialien. (Mehr dazu hier.)

RickenbackerMit dem Aufkommen elektrisch verstärkter Instrumente in den 1920er und 1930er Jahren entstanden erste elektrische Kontrabässe (engl. „Electric Upright Bass“ bzw. „EUB“). Diese Bässe haben lediglich einen reduzierten, meist Vollholzkorpus. Dadurch sind sie unempfindlicher gegen Rückkoppelungen und lassen sich einfacher transportieren. Die Idee ist aber schon älter: schon in vergangenen Jahrhunderten gab für Übezwecke „stumme“ Bässe oder Geigen ohne vollwertigen Resonanzkörper. Mit den Mitteln der elektronischen Klangwiedergabe jedoch erschlossen sich Instrumentenbauern wie Musikern neue Möglichkeiten. Die Klangqualität der elektrischen Kontrabässe ließ lange zu wünschen übrig, denn es dauerte einige Jahrzehnte, bis Tonabnehmer und Baß-Verstärker ausgereift waren. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Herstellern, die elektrische Kontrabässe als Einzelanfertigungen oder in Kleinserien herstellen.
Während manche in einem elektrischen Kontrabass lediglich eine komfortabel transportierbare Alternative zum „richtigen“, also akustischen Kontrabass sehen, ist er für Bassisten wie Eberhard Weber, die den elektrischen Kontrabass ausschließlich spielen, ein neues, eigenständiges Instrument. Die Konstruktions-Ansätze sind dementsprechend recht unterschiedlich: während sich einige elektrische Kontrabässe am Klang und Spielgefühl eines akustischen Kontrabasses orientieren, und dem z. T. recht nahe kommen, gehen andere elektrische Kontrabässe bewußt in eigene Richtungen, und lösen sich vom Klangideal des akustischen Vorbilds.

7 Antworten auf Die Geschichte des Kontrabass

  1. Lars sagt:

    Guter Eintrag man lernt echt viel!

  2. Der milfknaller42 sagt:

    Die Seite war hart sexuell. Hab mir erstmal ne halbe stunde einen geschleudert… Ich hatte schon in meiner Kindheit einen Fetisch für Instrumente.

  3. unobass2 sagt:

    Tolle Seite, für einen Kontrabassisten in spe gute Übersicht, Erklärung der D-/Es-Mensur etc., ich bekomme Lust, direkt heute einen vernünftigen KB zu kaufen (leider spricht das Konto momentan dagegen, aber leihen tut es ja zunächst auch)! Weiter so!

  4. Georg sagt:

    Danke. Hast mir bei meiner Vorwissenschaftlichen Arbeit echt geholfen!

  5. hbraun sagt:

    Danke fu00fcr die Ausfu00fchrliche Erklu00e4rung.

  6. Benhur_ghebre sagt:

    sehr gute seite 🙂

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