Handwerklicher und industrieller Streichinstrumentenbau

Das Bild des Geigenbaumeisters, der nach überlieferter Tradition alle Teile eines Instruments selbst herstellt und als ein individuelles Einzelstück zu einem Ganzen zusammenfügt, ist ein Idealbild. Nur die wenigsten Geigen, Celli und Kontrabässe entstehen heute noch so handwerklich wie zur Blütezeit des Geigenbaus; der größte Teil der Instrumente entsteht arbeitsteilig in industrieller Fertigung. Die industrielle Massenfertigung kam aber bereits sehr viel früher auf, als vom Liebhaber alter Instrumente oft angenommen wird. Bereits im 18. Jahrhundert wurden Streichinstrumente arbeitsteilig und in Massenproduktion hergestellt. Es ist also genau so falsch, in einem alten Streichinstrumente per se ein individuell gefertigtes Instrument oder gar ein Meisterinstrument zu vermuten, wie in allen neuen Streichinstrumenten ein maschinelles „Fabrik“-Erzeugnis zu sehen.

Manufakturgeigen aus Deutschland

Bis vor einigen Jahrzehnten asiatische Hersteller aus Japan, Korea und China die Marktführerschaft übernommen haben, dominierten deutsche Manufakturen über zwei Jahrhunderte lang den Markt für einfache, günstige Instrumente. Neben Geigen aus Mirecourt (Vogesen/Frankreich) waren es vor allem Erzeugnisse aus dem Mittenwald (Oberbayern), Markneukirchen (Vogtländischer Musikwinkel), Schönbach (Egerland, heute Luby/Tschechien) und später, nach dem 2. Weltkrieg, auch aus neuen Instrumentenbau-Zentren im fränkischen Bubenreuth und hessischen Nauheim, die die weltweite Nachfrage nach einfachen, erschwinglichen Instrumenten befriedigten. Neben der handwerklichen Herstellung von Musikinstrumenten auf höchstem Niveau hat also auch die industrielle Herstellung von sog. „Manufakturgeigen“ in Deutschland eine lange Tradition.
Es begann damit, dass in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einige Händler bzw. Händler-Familien sich auf den Vertrieb von Instrumenten spezialisierten, der bis dahin meistens von fahrenden Händlern oder Hausierern abgewickelt wurde. Die meisten Geigenbauer hatten weder die Zeit noch die Infrastruktur, sich selbst um den Absatz zu kümmern und Vertriebsstrukturen aufzubauen. Diese Geigenverleger oder Fortschicker (die bekanntesten Firmen sind Neuner & Hornsteiner und J. A. Baader & Co aus Mittenwald, beide gegründet 1810) sammelten Instrumente von verschiedenen Geigenbauern ein, und verkauften sie in alle Welt weiter. Nur ein Teil der Instrumente wurde von den eigentlichen Geigenbauern signiert; viele trugen (wenn überhaupt) die Namen der Geigenverleger oder imitierte Zettel mit den klangvollen Namen alter Meister.
Nach und nach gingen die Geigenverleger dazu über, nicht nur fertige Instrumente aufzukaufen, sondern die Herstellung arbeitsteilig zu organisieren: so gab es Korpusmacher, Halsmacher, Schneckenschnitzer, Wirbeldreher, Besaiter und Lackierer, die ihrer spezialisierten Tätigkeit in Heimarbeit nachgingen. Den Geigenverlagen waren aber auch Sägewerke und eigene Werkstätten angeschlossen. Große Stückzahlen konnten so zu günstigen Preisen hergestellt werden, um die Nachfrage nach einfachen und billigen Instrumenten zu befriedigen. Was, wieviel und zu welchen Preis produziert wurde, wurde maßgeblich von den Verlegern bestimmt. Das führte dazu, dass in Mittenwald Mitte des 19. Jahrhunderts kaum noch ein Geigenbauer ein Instrument vollständig alleine herzustellen vermochte.

Entwicklungsland Deutschland

Zu dieser Zeit galt die deutsche Wirtschaft allgemein als rückständig. Deutschland exportierte neben landwirtschaftlichen Produkten vor allem Produkte wie Stickereien, Kuckucksuhren und eben Musikinstrumente – also Handwerksprodukte, die sich wegen niedriger Löhne günstig herstellen ließen. Andere industriell gefertigte Produkte wie Maschinen und Metallwaren hatten oft noch nicht die im Ausland nachgefragte Qualität, denn es fehlte an technischem Wissen und Kapital zur Anschaffung der Herstellungsanlagen. Der Ruf der deutschen Industrieprodukte war also zunächst miserabel: als „Billig und schlecht“ beurteilte selbst ein deutscher Preisrichter die Exponate seines Heimatlandes auf der Weltausstellung in Philadelphia 1876. Um ihre Erzeugnisse besser verkaufen zu können, begannen etliche deutsche Hersteller damit, britische, französische und amerikanische Qualitätsartikel zu kopieren und zu plagiieren. So bekamen Klingen und Schneiden aus Solingen etwa Stempel wie „Sheffield made“. In Großbritannien reagierte man darauf mit dem „Merchandise Marks Act“ von 1862, der die Hersteller verpflichtete, alle Importartikeln mit dem Herkunftsland zu kennzeichnen, um heimische Erzeugnisse zu schützen. „Made in Germany“ prangte fortan weltweit an vielen Gegenständen des täglichen Gebrauchs. Gleichzeitig wurde aber die Qualität der deutschen Erzeugnisse stetig besser: aus den höher entwickelten Industrieländern wurden Fachleute abgeworben, und die Fertigungstechniken studiert und übernommen.

Wettbewerbsvorteil Qualität

In Mittenwald wurde 1858 eine Geigenbauschule gegründet, um die Qualifikation der Geigenbauer sicherzustellen und vor allem auch der Konkurrenz auch aus dem eigenen Land (Vogtland/Egerland) mit besserer handwerklicher Qualität zu begegnen. Viele Mittenwälder Geigenbauer erwarben im Ausland neues Wissen. Wie z. B. Ludwig Neuner aus der Verlegerfirma Neuner & Hornsteiner; er war einige Jahre bei J. B. Vuillaume in Paris tätig, der wichtigsten Persönlichkeit seiner Zeit im Geigenbau. Dort hatte er viele klassische Modelle italienischer Meister studiert, und brachte dieses Erfahrung nach Mittenwälder mit. So wurde auch der „Kunstgeigenbau“, die individuelle Fertigung von Instrumenten in Meisterwerkstätten, allmählich wieder wichtiger.
Im zweiten deutschen Instrumentenbau-Zentrum, der Gegend um Markneukirchen, wurden neben Streich- und Zupfinstrumenten auch fast alle anderen Orchester-Instrumente und Harmonikas hergestellt. Instrumente aus dem vogtländischen Musikwinkel hatten Anfang des 20. Jahrhunderts einen Weltmarktanteil von 80%. Hauptabsatzmarkt war bereits damals Amerika; die USA unterhielten bis 1916 sogar ein Generalkonsulat in Markneukirchen. Der Automationsgrad im Vogtland war schon früh sehr hoch. So erfand der Klingenthaler Ingenieur William Thau 1904 eine Kopierfräsmaschine zur mechanischen Herstellung von Böden und Decken.

Das 20. Jahrhundert

Nach den Ersten Weltkrieg und den folgenden Wirtschaftskrisen ging der Absatz an industriell gefertigten Streichinstrumenten stark zurück. So mussten die beiden traditionsreichen Mittenwälder Hersteller Neuner & Hornsteiner und J. A. Baader in der 1930er Jahren ihre Produktion einstellen. Auch der Zweite Weltkrieg brachte eine erneute Zäsur. Gleichzeitig begannen Firmen in den USA, dem wichtigsten Exportmarkt, mehr und mehr Streichinstrumente selbst herzustellen. Die Nachfrage nach Kontrabässen bedienten nun z. B. auch heimische Hersteller wie King, American Standard, Epiphone und vor allem Kay mit ihren robusten Sperrholz-Instrumenten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren von den Vertreibungen aus dem Sudetenland und Böhmen auch die dortigen Instrumentenmacher betroffen. Einige siedelten sich in Mittenwald neu an, die überwiegende Zahl aber zog in die neu entstehenden Instrumentenbau-Zentren um Bubenreuth (Franken) und Nauheim (bei Frankfurt am Main). Mit Karl Höfner ließ sich einer der größten ehemals Schönbacher Hersteller in Bubenreuth nieder. Auch die 1946 in Erlangen neugegründete „Fränkische Musikinstrumentenerzeugung Fred Wilfer KG“, kurz Framus, diente vielen vertriebenen Schönbacher Geigenbauern als Anlaufstelle. In den Wirtschaftswunderjahren wuchsen Nachfrage und Produktion rasant. In den 1950er Jahren setzte mit der wachsenden Popularität des Rock’n’Roll und der Beat-Musik ein regelrechter Gitarren-Boom ein, so dass sich große Hersteller wie Höfner und Framus verstärkt auf die Produktion von Gitarren konzentrierten, und die Streichinstrumente in den Hintergrund traten.
Auch in Markneukirchen, dass nun auf dem Gebiet der DDR lag, ging die Instrumentenherstellung nach dem Zweiten Weltkrieg weiter. Die meisten Handwerksbetriebe mussten sich zu VEBs zusammenschließen, und die Instrumente aus dem Vogtland fortan unter dem Markennamen „Musima“ verkauft. Auch in der CSSR ging im ehemaligen Schönbach, dem heutigen Luby, die Produktion weiter. Die Firma „Strunal“ aus Luby gehört heute zu den größten Herstellern von Streichinstrumenten und Gitarren in Europa, die dortige Fachschule für Geigenbau wurde jedoch 2005 geschlossen.

Etikettenschwindel

Bereits im 18. Jahrhundert waren bei den Manufakturgeigen imitierte bzw. gefälschte Zettel gang und gäbe. Von Plagiaten und gar Raubkopien sprach damals aber noch niemand. Diese zumeist gedruckten Zettel beziehen sich in der Regel auf das Modell der Geige – deutsche Manufakturgeigen trugen häufig Stainer-Zettel; französische Geigen aus Mirecourt überwiegend die Namen italienischer Meister wie Amati und Stradivari. Noch heute versetzen diese Zettel unbedarfte Laien in Verzückung, die glauben, mit ihrem Dachbodenfund eine kostbare Stradivari in den Händen zu halten.
Auch die amerikanischen Händler klebten schon immer gerne Zettel mit deutsch oder italienisch klingenden Namen in die aus Europa importierten Streichinstrumente. Namen, die nicht immer etwas mit den eigentlichen Hersteller zu tun haben, aber dem Instrument den Anschein geben sollen, aus einer (europäischen) Meisterwerkstatt zu stammen. So gibt es in den USA zahlreiche „deutsche“ Herstellernamen, die hierzulande eher unbekannt sind. Der Familiennname Pfrezschner steht eigentlich für hervorragenden Bögen, wurde in den USA aber für Geigen, -Celli und -Bässe verwendet. Wilfer-Kontrabässe wurden vom US-Importeur (wie auch von anderen Herstellern zugekaufte Bässe) unter dem Namen des aus Prag stammenden Inhabers verkauft: Juzek. Framus verkaufte Geigen unter dem Namen „Josef Wilfer Meistergeige“ – Framus-Inhaber Fred Wilfer hatten den Geigenbaumeister diesen Namens allerdings frei erfunden. Und heute werden natürlich auch aus Fernost stammende Instrumente gerne mit deutschen Namen versehen. Seine aus China importierte Produktlinie bietet Höfner z. B. unter dem Namen bayerisch klingenden Namen Anton Stingl an.

China

Heute verlaufen die Grenzen zwischen handwerklicher und industrieller Herstellung mitunter fließend. Nicht unüblich ist es, dass Geigenbauer vorgefräste Hälse, Decken und Böden oder auch komplette „weiße“ Instrumente (d. h. fertig zusammengefügte, aber noch unlackierte Instrumente) von spezialisierten Zulieferern erworben. Diese werden dann in der eigenen Werkstatt fertig gestellt, optimiert, lackiert und spielfertig gemacht, um dann unter dem eigenen Namen angeboten zu werden. So werden mitunter auch aus chinesischen Teilen „europäische“ Instrumente. Bemerkenswerterweise erinnert heute der Instrumentenbau in China, dem oft noch ein Billig-Image anhaftet, vielfach stärker an den europäischen Manufaktur-Geigenbau, als die heute maschinell geprägte Produktion in Europa. Während hierzulande bereits ein sehr hoher Automationsgrad in den Geigenbau Einzug gehalten hat und moderne computergesteuerte CNC-Fräsapparate im Einsatz sind, erfolgen in China aufgrund der niedrigen Stundenlöhne noch sehr viel mehr Arbeitsschritte manuell. So gibt es in den chinesischen Werkstätten noch die spezialisierten Korpusmacher, Halsmacher und Schneckenschnitzer, die einem Meister zuarbeiten – ganz so wie in den Mittenwalder Manufakturen des 19. Jahrhunderts.

5 Antworten auf Handwerklicher und industrieller Streichinstrumentenbau

  1. Daniel sagt:

    Guten Tag

    Auf der Suche nach einem Kontrabass bin ich auf einen aus der „Werkstatt H. Geipel“ aus Schönbach in der Tschechichen Republik
    Ich habe bei der Firma «Walter Geipel» (Kolophonium) angefragt, ab der Bass aus ihrer Firma entstamme. Offenbar wurden aber dort keine Kontrabässe gebaut. Erstaunlich ist aber, dass diese Firma ebenfalls wie die «Werkstatt H. Geipel» in Schönbach in Tschechien ansässig war (siehe Historie auf der Webseite der Fa. «Walter Geipel»: http://www.walter-geipel.de/html/de/historie.php).

    Können Sie bzw. Ihr Netzwerk mir weiter helfen und bezüglich Herkunft und Entstehungsjahr des Kontrabasses helfen? Vielleicht können Sie mich auch an jemanden verweisen, der helfen kann.

    Es würde mich sehr freuen, von Ihnen zu hören!

    Mit freundlichen Grüssen
    Daniel

  2. Penny Pigtails sagt:

    das ist ein sehr interessanter artikel! auf youtube gibt es sogar entsprechende videos, die das belegen (muss man mit einem proxy ansehen, da die gema… ihr wisst schon 😉 ) http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=nJn0GgMsgHQnodernhttp://nl.proxfree.com/permalink.php?url=yx%2BhnYCyg4s24iThgBXg7eD%2BgixM%2BhdmOP7qE3TZgUMuwjyDeiVUQpAGz46KP50kuVLPnRbUDjDkup9WlE4mOA%3D%3D&bit=1nnlg!

  3. Wolfgang aus Kummerfeld sagt:

    Oh oh, wir haben das Plagiieren den Chinesen also vorgemacht… Mein chinesischer Bass erscheint in einem ganz anderen Licht. Dankeschu00f6n!

  4. Bluepianos sagt:

    Wirklich sehr interessant, danke. Ich will lernen, Cello zu spielen, dazu suche ich ein ziemlich gutes aber relativ gu00fcnstiges Instrument (ich kann mich nicht leisten, mehr als 1000-1500 Euro zu bezahlen). Ein Fabrik oder Geigenbauer-Cello wu00fcrdest du mir empfehlen?

  5. Kugelblitz sagt:

    Das ist sehr interessant. Vielen Dank fu00fcr die hilfreichen Informationen.

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