Eugen Hahn †

Eugen Hahn, der Wirt des Frankfurter Jazzkellers, ist heute vormittag nach schwerer Krankheit gestorben (nein, nicht Covid). Er wird mir sehr fehlen!

Eugen kam Mitte der 1980er nach Frankfurt, wo er zusammen mit seiner damaligen Frau Regine Dobberschütz die Leitung des traditionsreichen Jazzkellers übernahm. Ich erinnere mich noch, wie ich Eugen in dieser Zeit als 15jähriger Jazzfan das erste Mal begegnete. Ich wohnte damals 50 km entfernt von Frankfurt in der südhessischen Provinz. Internet gab es noch nicht, und die örtliche Tageszeitung druckte das Jazzkeller-Programm natürlich auch nicht ab. Also rief ich im Jazzkeller an, und bekam sogleich Eugen an den Apparat. Er las mir sofort das komplette Monatsprogramm nicht nur vor, sondern erläuterte es mir genauso fachkundig wie enthusiastisch, und das alles mit der für ihn typischen Berliner Schnauze, die er auch als Wahlfrankfurter nie ablegte. Der geplanten Besuch des Chet-Baker-Konzerts scheiterte letztendlich daran, dass ich in der Familie niemanden fand, der mich hinfahren wollte. Aber einige Zeit später lernte ich dann als junger Musiker sowohl den Jazzkeller als auch Eugen persönlich kennen. Und schätzen.

Vor seiner Zeit als Jazzkeller-Wirt lebte Eugen als Musiker in Ost-Berlin. Er war u.a. Bassist und Mitgründer der Modern Soul Band, die als eine der ersten Bands in Ostdeutschland Soul und Jazzrock spielte. Auch wenn er in seiner Frankfurter Zeit nicht mehr regelmäßig selbst zum Bass griff – mit seiner musikalischen Kompetenz und seinem Urteilsvermögen hielt er nie hinterm Berg. Und fast so groß wie sein Wissen war auch seine Plattensammlung. Wenn er jemanden mochte, dann verschenkte er selbst zusammengestellte CDs mit Musik, die ihm besonders am Herzen lag.

Als Eugen mit seiner Familie nach Frankfurt kam, hatte der Jazzkeller schwierige Jahre und mehrere Wechsel in der Leitung hinter sich. Eugen richtete den Jazzkeller nun stärker am Vorbild internationaler Jazzclubs aus, womit er sich zunächst nicht nur Freunde machte – Kritiker warfen ihm vor, er habe das „Wohnzimmer der Frankfurter Jazzszene“ kommerzialisiert. Aber tatsächlich sicherte Eugen dem Jazzkeller damit langfristig das Überleben. Und die heimische Frankfurter Jazzszene hat bis heute ihren festen Platz neben all den internationalen Größen, die im Jazzkeller auftreten. Die Mittwochs-Jam-Session, für die ich auch ein paar Jahre Hausbassist sein durfte, ist legendär und zeichnet sich durch ihr für Jazzkonzerte ungewöhnlich junges und gemischtes Publikum aus.

Durch die Covid-Pandemie pausieren momentan auch die Live-Konzerte im Jazzkeller. Ein Abend mit Eugen im Jazzkeller gehörte zu den Dingen, auf die ich mich schon sehr gefreut hatte, wenn denn die Pandemie einmal hinter uns liegen wird. Er wird so nun doch nicht mehr stattfinden können.

Nachtrag: Heute erschien die Traueranzeige in der FR. Sehr basslastig, die Seite.
Die Trauerfeier für Eugen wird am 15.1. um 15 Uhr stattfinden.

16 opinions on “Eugen Hahn †”

  1. Eugen Hahn, was für ein Mensch, was für eine Seele, ein wahrer Gentleman. Mein tiefstes Beileid für seine Familie.

    In Deinem Herz gab es für so viele einen Platz. Du hast uns so viel gegeben, dass wir es dir nie bedanken können. Du hast uns geliebt, geschätzt und wertgeschätzt. Deine unendliche Liebe wird immer in unseren Herzen bleiben ♥️

    Der Jazzkeller war nicht einfach nur sein Arbeitsplatz oder Hobby, das war sein Leben. Eugen Hahn hat in den Jahrzehnten mit seinem Fachwissen und Enthusiasmus nicht nur erreicht, dass sein Club zu den internationalen Kultstätten des Jazz gehört, sondern er hat ein warmes Zuhause für die weltweite Jazzszene geschaffen.
    Er hat seinen Traum gelebt und wir durften daran teilnehmen. Was für eine Ehre
    Eugen Hahn vielen Dank für alles ♥️ Ich werde dich immer vermissen.

  2. Eugen Hahn erlebte ich als Konzertbesucher stets humorvoll und kommunikativ. Er war neben Uli Blobel und Peter Metag auch einer der ganz wenigen staatsunabhängigen Konzertmanager in der DDR, was ihnen das heftigste Misstrauen der kommunistischen Überwachungsorgane eintrug.
    Folgerichtig verließ er das piefige Land und konnte nun seine begnadete Kreativität entfalten.

    Allen Angehörigen und Freunden mein aufrichtiges Beileid.

  3. Gestern habe ich die traurige Nachricht erhalten und bin erschüttert. Im Jazzkeller habe ich viele Nächte durchgetanzt, mich frei getanzt, habe mich dort sicher gefühlt, wie im eigenen Wohnzimmer. Auch, weil Eugen immer ein Auge dafür dafür hatte, wenn sich mal jemand nicht so korrekt verhielt.
    Meine Zeit im Jazzkeller mit Eugen, den treuen Mitarbeitern, seiner Familie, werde ich nie vergessen. Mein herzliches Beileid.
    Eva-Maria

  4. Ich kenne Eugen noch aus MSB-Zeiten. Auch wenn wir in unserer stilistischen Ausrichtung der musikalischen Auswahl sehr unterschiedlich agierten, habe ich seine Arbeit für den Jazzkeller Frankfurt/Main immer bewundert. Zur APPLAUS-Verleihung 2019 haben wir uns das letzte mal getroffen. RIP.

  5. Wir sitzen gerade völlig sprachlos vor Deinem Nachruf.
    Danke für die wunderbaren Worte.

    Eugens Familie wünschen wir Kraft, den Verlust so gut es geht zu tragen und die Fähigkeit, sich an die vielen tollen Dinge zu erinnern, die sie mit ihm je erlebt zu haben.

    Herzliche Grüße
    Kathi Decker

  6. Unvorstellbar – ich komme die Treppe runter, und du bist einfach nicht mehr da, Eugen. Das will mir nicht in den Kopf. Dein Enthusiasmus, deine Gelassenheit, deine Begeisterung und dein großes Herz. Frankfurt wird für mich ohne dich nicht mehr die Selbe sein. Aber der Keller wird leben….,wie der Jazz

  7. Das sind traurige Nachrichten. Mein herzliches Beileid an seine Familie und nahestehenden Personen, verbunden mit tiefer Dankbarkeit für zahlreiche gute Konzerte im Frankfurter Jazzkeller. Eugen wird mir und vielen anderen Musikerkollegen fehlen, das ist sicher.

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