Swing-Gitarre á la Freddie Green

Eine Besprechung einer Gitarrenschule hier im Kontrabassblog?! Nun, viele Jazzbassisten haben mal als Gitarristen angefangen (so auch ich), und spielen nebenher auch E-Bass, der ja unumstritten eine Gitarre ist. Außerdem spielt man als Bassist ja oft mit Gitarristen, da schadet es nicht, ein wenig mitreden zu können.

Charlton Johnsons Buch »Swing & Big Band Guitar« (dem auch eine CD beiliegt) deckt eine kleine Nische ab, für die es bislang wenig Literatur gibt: die Rhythmusgitarre, das Four-to-the-Bar-Comping, wie es Freddie Green (Gitarrist bei Count Basie) geprägt hat und wie man es vor allem in BigBands, Swing-Combos und Gypsyjazz-Bands antrifft.

Die Rhythmusgitarre als eigenständige Instrumentengattung bzw. »Kunstform« neben der Solo-Gitarre – diese Unterscheidung wird heute eigentlich nur noch selten gemacht. Als Gitarrist sieht man sich heute eher als Generalist. Aber in der Gypsyjazz-Szene stehen gute Rhythmusgitarristen auch heute noch in hohem Ansehen. Und vorrangig ein guter Begleiter zu sein, der das rhythmische Fundament legt – dieser Anspruch verbindet die Rhythmusgitarristen mit uns Bassisten:

Bedenke: man nennt den Stil nicht etwa Harmonie- oder Akkord-Gitarre, sondern Rhythmus-Gitarre. Als Rhythmusgitarrist ist es wichtiger, eine solide rhythmische Grundlage zu schaffen, als erweiterte Harmonien beizusteuern.

Wer schonmal als Gitarrist im Swing-Genre tätig war, weiß, dass man da mit den landläufigen Akkord-Griffbildern nicht weit kommt, wenn man den authentischen Sound von Freddie Green oder Django Reinhardts Hot Club de France anstrebt. Aber auch Gitarristen, die sich moderner orientieren und sich nicht in erster Linie als »Rhythmusgitarrist« im traditionellen Sinn verstehen, können von dem Material dieses Buches profitieren, denn es bricht das Thema Comping (Begleitung) gut strukturiert auf einige wesentliche und grundlegende Punkte herunter.

So werden gleich als Erstes die gängigen Akkordgriffe auf schlagkräftige »Rhythm Chords« eingedampft, die ausschließlich auf den vier tiefen Saiten der Gitarre stattfinden. »Chord reduction« ist das Stichwort, denn: »rhythm guitar is only concerned about triads, sixth chords, and seventh chords.«
Bei Freddie Green, der als Gitarrist der Basie Bigband prägend war, spricht man bisweilen sogar von one-note-chords: die Reduktion aufs Wesentliche ging bei ihm mitunter so weit, dass nur ein Akkordton wirklich definiert hörbar war. (Soweit geht Johnson, der ebenfalls ein paar Jahre in der Basie Big Band spielte, aber nicht – die dargestellten Rhythm Chords sind dreistimmig.)

Während bei den »Lagerfeuer«-Akkorden der Grundton auch immer der Basston ist, ist das bei diesen vereinfachten Griffen nicht zwingend der Fall. Vielmehr bedient man sich Umkehrungen (Drop-2, Drop-3 usw.) und Umdeutungen, so dass man in jeder Lage die tiefe E-Saite in das Griffbild einbeziehen kann – ein Vorraussetzung für gleichmäßig swingenden Groove.

Für Bassisten sind diese Umkehrungen nicht ohne Tücke. Wenn man unbekannte Nummern nach Gehör mitspielt, und ab und zu einen Blick auf die das Griffbrett des Gitarrenkollegen wirft, sollte man wissen: der auf der E-Saite gegriffene Ton ist gar nicht immer der Grundton. Eine Falle für alle, die sich eher auf das Auge als auf das Ohr verlassen …

Der Chord Reduction steht die Chord Expansion gegenüber. So, wie auf dem Bass eine Aneinanderreihung von gebrochenen Akkorden noch keine schöne Walking-Bass-Linie ergibt, reicht es auf der Gitarre nicht, je ein Akkordsymbol in einen Akkordgriff umzusetzen. Richtig interessant wird die Begleitung erst, wenn man die Akkorde geschmackvoll verbindet, denn Comping auf der Gitarre ist kein »Malen nach Zahlen«. Auch darauf geht Johnson am Ende des Buches ein, zeigt gebräuchliche Patterns und erklärt die Strategie dahinter.

Swing & Big Band Guitar, Charlton Johnson,
erschienen im Verlag Hal Leonhard #HL00695147 (engl.)

 

 

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